Pressemitteilung

33. Wirtschaftspolitischer Vortrag der Sparkasse Rhein-Nahe

Zu ihrem 33. Wirtschaftspolitischen Vortrag hatte die Sparkasse Rhein-Nahe erstmals in die Ingelheimer Kultur- und Kongresshalle kING geladen und konnte gleich zwei hochkarätige Wirtschaftsexperten für den Abend gewinnen. Vor rund 800 Besucherinnen und Besuchern sprachen Prof. Dr. Peter Bofinger, Mitglied im Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung und Prof. Dr. Dr. h.c. mult. Hans-Werner Sinn, Ökonom und ehemaliger Präsident des ifo Instituts für Wirtschaftsforschung zu „Deutsche Wirtschaft vor außenwirtschaftlichen Herausforderungen: Wie lange hält der Aufschwung noch an?“ Durch den Abend führte ZDF-Nachrichtenmoderatorin Gundula Gause, für Unterhaltung sorgte Julia Oschewsky von der Musikschule im WBZ Ingelheim.

Im Begrüßungstalk äußerten sich die Landrätinnen Bettina Dickes (Kreis Bad Kreuznach) und Dorothea Schäfer (Kreis Mainz-Bingen) zu aktuellen Themen in ihren Landkreisen. Diese reichten von der Wohnraumknappheit trotz Bauboom über den Wunsch nach einer weiteren Rheinbrücke bis zum verbesserungswürdigen Mobilfunknetz in den ländlichen Regionen. Peter Scholten, Vorstandsvorsitzender der Sparkasse Rhein-Nahe, äußerte sich zur Zinswende: „Im nächsten Jahr bleibt erst einmal alles beim Alten und die EZB setzt ihre expansive Geldpolitik im Prinzip weiter fort. Aber: Die EZB hat in Aussicht gestellt, dass es im Herbst 2019 zu einer Zinswende kommen kann.“ Wie es sich letztlich entwickle, hänge aber von der „Großwetterlage“ in Europa und der Welt ab. Mit dem Ergebnis der Sparkasse zeigte sich Scholten zufrieden. „Die ersten Zahlen zu 2018 zeigen, dass das gute Ergebnis von 2017 gehalten werden konnte.“

Risikofaktoren Brexit und Italienkrise

„Der deutsche Arbeitsmarkt kann sich nicht beklagen“, so Peter Bofinger, der das aktuelle „Gutachten der Fünf Weisen“ vorstellte. Noch nie hätten so viele Menschen gearbeitet, noch nie habe es so viele offene Stellen gegeben und noch nie habe man so lange warten müssen bis offene Stellen besetzt wurden, stellte der Wirtschaftsweise fest. Es seien eine halbe Million Arbeitsplätze geschaffen worden.

Hinsichtlich der Digitalisierung seien Prognosen schwierig. Es sei nicht vorherzusagen, wie die Entwicklung in den kommenden Jahrzehnten verlaufen werde. Dabei seien überwiegend gute Jobs entstanden. Dass die positive Entwicklung ein Ende habe, sieht Bofinger nicht. Bei der Prognose sei die schlechtere Entwicklung des dritten Quartals bereits berücksichtigt worden. Doch dies bedeute nicht, dass die Party vorbei sei. Richtig ausbremsen könnten die Wirtschaft zurzeit drei Dinge: Eine expansive Fiskalpolitik, hohe Zinsen in der Geldpolitik und eine Finanzkrise, wie sie vor zehn Jahren passiert sei. Doch für all dies gebe es im Euroraum keine Anzeichen.

Problematisch seien eher politische Risikofaktoren. Hier sieht er den Brexit und die aktuelle Italienkrise und weniger den Handelskrieg der USA mit China. „Der Brexit ist wie sich ein gesundes Bein zu amputieren, weil man mit der Prothese besser laufen kann“, fasste Bofinger bildlich zusammen. Die Briten hätten die Folgen eines Brexits völlig falsch eingeschätzt.

Für Großbritannien gebe es keine gute Lösung, so die Meinung Bofingers. Sowohl eine Übergangsregelung, die bis 2022 geht, als auch der harte Brexit hätten schlechte Folgen. Die Übergangsregelung sei für Großbritannien „einfach peinlich“. Man sei zwar noch drin, aber dürfe nicht mehr mitreden. Eine Verzögerung würde außerdem dazu führen, dass Unternehmen direkt abspringen. Der Hard Brexit würde „Bremsspuren“ auch in Europa hinterlassen.

Bei Italien passiere aktuell das gleiche wie in Griechenland. Während Griechenland aber relativ klein war, würden die Auswirkungen bei Italien deutlich schwerer wiegen. Bofinger hofft, dass die Krise nicht durch Konfrontation eskaliert. Es wäre dann schwer, Italien zu retten. Er mahnte, in der Italien-Krise zur Kommunikation statt zur Konfrontation: „Es gibt viele Möglichkeiten, wenn man miteinander redet.“ Dann sei auch eine Lösung für Italien möglich.

Dunkle Wolken am Horizont

„Die Wirtschaft läuft prächtig“, stellte auch Hans-Werner Sinn fest. Der Arbeitsmarkt habe sich hervorragend entwickelt. „Wir haben eine Konjunktur, wie wir sie nach Messdaten des ifo-Instituts noch nie hatten“, so Sinn. Der Höhenflug liege an einer Doppelkonjunktur, wie sie in der Konstellation nie dagewesen sei: fantastischer Export und gute Binnenwirtschaft durch gute Baukonjunktur.

Doch der Wirtschaftsexperte sieht die dunklen Wolken am Horizont aufziehen: „Ob es ein Gewitter wird, kann ich nicht sagen.“ Zwar sei der ifo-Index immer noch hoch, aber er habe seinen Höchststand im vergangenen Jahr erreicht und befinde sich nun drei Monate hintereinander im Rückgang.

Sinn sieht die gleichen Risiken für die europäische und die deutsche Wirtschaft wie Bofinger. Ein Unruhefaktor sind dabei die USA. Negative Effekte für die Wirtschaft könnten ein potenzieller Handelskrieg sowie die Staatsverschuldung der USA durch die dortige Steuerreform haben. Die Zinsen in den USA stiegen kontinuierlich und derzeit betrage der Zinsabstand zu Europa 3 Prozent. Dies führe dazu, dass die Anleger ihr Geld nach Amerika bringen. Ein Kursanstieg des Dollar und ein Eurokursverfall seien schon zu beobachten. Doch ob die Europäer dem Zinsanstieg folgen, sei schwer zu sagen, weil es eine politische Entscheidung der EZB sei. „Nach Draghi wird neu nachgedacht“, ist sich Sinn sicher, sieht aber einen Mittelweg auf Europa zukommen mit Euroschwäche und leichter Zinswende.

Doch auch für Sinn sind der Brexit und die Italienkrise die größeren Risiken. „Die Engländer haben sich durch den Brexit erhofft, ein bisschen Freihandel zu betreiben, was sie mit Europa nicht durften“, so Sinn. Durch das Rückfallabkommen gehe das genau nicht. Dadurch seien sie weiterhin an die EU gebunden und dürfen keine Absprachen machen und sie dürfen die Regelungen noch nicht einmal mitbestimmen.

Mit dem jetzigen Abkommen sei nur ein Notanker beschlossen worden, der bis 2022 Zeit gebe, über das Reglement der Zukunft zu verhandeln. „Das ist etwas, was die EU zwar sinnvoll findet, aber was Großbritannien höchstwahrscheinlich nicht akzeptieren wird, auch wenn Premierministerin May das unterschrieben hat“, so Sinn.

Zweites Problem sei die Grenze in Nordirland. Bei einem harten Austritt gebe es eine harte Grenze auch in Nordirland. In diesem Fall befürchtet Sinn Zustände wie vor 30 Jahren mit der IRA.

Im März 2019 gebe es entweder einen Knall oder eine Notbremse in letzter Sekunde, bei der das Austrittsdatum verschoben wird, prognostiziert er. „Dann bleibt Großbritannien drin“, ist sich Sinn sicher und hofft auf diese Lösung. Denn: als drittgrößter Exportmarkt sei Großbritannien wichtig für Deutschland.

Ein weiteres Problem sei die Italienkrise, die sich nach Sinns Meinung nicht durch Geldgeschenke lösen ließe. Die Arbeitslosigkeit sei hoch und die schlechte Wirtschaftslage führe zu niedrigen Exporten. Die Zinsen seien gesenkt worden, aber mit der Wirtschaft gehe es nicht gut voran. Eine Ursache für die Krise sieht Sinn darin, dass Italien im Vergleich zu Deutschland teurer geworden ist. Dadurch sei die Wettbewerbsfähigkeit verloren gegangen. Italien mit Geldern wieder aus der Krise zu befreien, ähnlich wie derzeit Griechenland, würde 200 Milliarden Euro kosten – so viel Geld gäbe es gar nicht.

Brexit und Italien – Gibt es eine Lösung?

In der Gesprächsrunde mit Gundula Gause leisteten sich die beiden Wirtschaftsexperten einen informativen und spannenden Austausch, dem das Publikum gebannt folgte. Berücksichtigt wurde dabei die Publikumsbefragung zu den brennenden Europa- und Finanzthemen: Brexit, Italienkrise und Abschwung.

Während 60 Prozent der Befragten einen geregelten Brexit für plausibel hielten, widersprachen hier beide Experten. „Sowohl die Brexiteers als auch die Remainers werden gegen den weichen Brexit stimmen“, ist sich Sinn sicher. Natürlich erfolge die Ablehnung aus verschiedenen Gründen. Auch Bofinger sieht keine Mehrheit zu den Europaplänen in Großbritannien.

Die derzeitige Italienkrise bewerteten 53 Prozent des Publikums als extrem gefährlich: Die Situation in Italien könnte eine neue Finanzkrise auslösen. Für Sinn liegt das Problem Italiens vor allem darin, dass Italien zu teuer sei. Bofinger indes sieht Italien als Verlierer der Globalisierung. Er plädierte dafür, Italien mit einem Investitionsprogramm von rund 20 Milliarden Euro zu unterstützen, um die Infrastruktur auf Vordermann zu bringen. Allerdings sei dies nur sinnvoll, wenn auch Italien mitspielt. Sinn lehnt Geldgeschenke an Italien ab: „Hilflosen Geld zuschieben ist wie eine Droge und es kommt nicht zu einer Besserung.“.

Bei der dritten Frage – dem aktuellen Rückgang der deutschen Wirtschaft war eine deutliche Mehrheit von 64 Prozent überzeugt davon, dass unruhige Zeiten ohne klaren Auf- oder Abwärtstrend auf die deutsche Wirtschaft zukommen. Etwas pessimistischer sieht es Sinn, befürchtet aber keine Rezession: „Es wächst langsamer.“ Der ifo-Index zeige, dass der Aufschwung vorbei sei. Bofinger zeigte auf, dass dennoch Wachstum stattfinde, was die Zunahme an Arbeitsplätzen bestätige.

In Anbetracht von Brexit und Italien-Krise traf der diesjährige Wirtschaftspolitische Vortrag voll ins Schwarze. Die Vorträge und die angeregte Diskussion von Bofinger und Sinn brachten den Zuschauern in spannender Form die Vielschichtigkeit der aktuellen Herausforderungen für die deutsche Außenwirtschaft näher. Ein Bilderbuchabend im Zeichen der Wirtschaft, den das Publikum mit anhaltendem Applaus belohnte.

 

Impressionen des Abends: